Appell - beinahe aktuell  (1902 )

 

 

a) Situation und Anlass

 

Aus der Menge des Publizierten ragt einsam hervor, was die Großzügigkeit einzelner Akteure vor Ort und im Land betrifft. Das gilt nicht nur für die einst stramm monarchische Zeit vor hundert und mehr Jahren, die uns hier und da Auffälliges an Gebäuden und Anlagen hinterließ, das heute verdient oder unverdient touristischen Rang hat.

Hat es sich doch im deutlichen Gegensatz dazu bis in den Alltag jedes einzelnen ein gegenläufiger Trend durchgesetzt. Kleinliches buchhalterisches Nachrechnen und egoistisches Verwalten des Vorhandenen sind zur alle beherrschenden Norm geworden. Auch da, wo es keinen Platz hat und durch gelegentliche wohltätige Spenden nicht auszugleichen ist. Dass es die Menschen einengt und in der Masse verarmt, ist nur eine der Folgen. Unser Land, hört man oft, sei nach 70 Jahren Frieden eines der reichsten Länder der Welt. Dennoch geht eine Klage, die niemanden verschont.

Auffällt darum eine gegenläufige Mentalität, wie sie sich im Umgang mit dem Vorhandenen zeigt. Sie muss in den Tagen, aus denen der folgende Text stammt, bereits eine Seltenheit gewesen sein. Hintergrund ist folgender und er mag sich ähnlich heute eher selten als Mentalität großer Stiftungen wiederholen. Da erwirbt ein Bürger in einer unbedeutenden Kommune am Rand des Ortes ein Areal, baut ein bis in die Gegenwart vorhandenes auffälliges Anwesen, das immer noch steht, sich inzwischen zur Nutzung im Besitz des Landes befindet, gestaltet, wie vermögende Eigentümer  Jahrhunderte zuvor es getan haben mögen, das dazu gehörige Land  weiträumig mit Teichen und Spielgelegenheiten aus, erbaut auf der dazu gehörigen Höhe einen Turm, von dem es einen weiten Blick ins Land gibt …und öffnet kurz darauf das ganze Gelände für die Bevölkerung zur Mitnutzung.

Es wird nicht an Stimmen fehlen, die solches Mäzenatentum abnorm finden. Aber ist es das in einer Zeit der Steueroasen? Stünde es nicht den wirklich Reichen um der Lage in der Welt an, ähnlich zu verfahren, anstatt ihr Geld ins Ausland zu verbringen?

Mit Recht überrascht und im Stil der Zeit bemüht  weist die örtliche Zeitung auf das ungewöhnliche Angebot hin und verbindet damit ihren Appell, ein derartiges Angebot auch früh im Jahr zu nutzen.

 

b) Text

 

14.April. Vorüber sind die Tage des Osterfestes. Still und geräuschlos enteilte die weihevolle Zeit[. .]. Zu erfrischenden Spaziergängen war wenig  Gelegenheit geboten; denn Jupiter pluvius war während der Ostertage sehr launisch, er überraschte oft mit kurzen, aber recht eindringlichen Schauern. Doch post nubila Phoebus, „auf Regen folgt Sonnenschein“. Wenn das strahlende Antlitz der Sonne Euch auf die Fluren hinauslockt, verfehlet nicht, die Anlagen des Herrn (Name folgt) zu besuchen. Wie  wir nämlich gehört haben, soll genannter Herr dem Publikum in nächster Zeit freien Zutritt gewähren. An dieser heimlichen Stätte wird unsere Naturfreude von neuem erfrischt. Alles, was wir sehen, bewegt unser Herz wie liebevolles Grüßen. Hier in der Einsamkeit beruhigt sich das erregte Gemüt, denn es atmet den süßesten Frieden der Natur ein. Auf anmutigen, teils versteckten Stellen ist den Besuchern sogar „Sitzgelegenheit“ geboten. Wer seinen Blick in die Ferne schweifen lassen will, ersteige den auf hohem Bergesrücken erbauten Aussichtsturm. Indes möchten wir jedem raten, vor dem Aufstieg gehörig zugeknöpft zu sein , – letzteres bekanntlich im Leben eine recht üble Eigenschaft– , denn der Wind ist ein grober Geselle, der mit jedermann sein neckisches Spiel treibt.