Ein Landrat rudert zurück. Kaiserbesuch 1865

 

 

a) Situation und Anlass

 

Als Preußen 50 wird, im Jahr 1865,  schlägt der Waldbröler Landrat dem Kaiser, damals noch Wilhelm I., bereits ein erstes Mal vor, anlässlich des Besuches in der Kaiserstadt Aachen und der dortigen Feierlichkeiten auch seinen Kreis zu besuchen. Was dann 1913, ein halbes Jahrhundert später seitens des Enkels Wirklichkeit wird und dem Ort bis heute eine Kaiserstraße beschert.

 Für den tatkräftigen Landrat ist die Idee historisch begründet. Er weist zu Recht darauf hin, dass die bergischen Lande früher als andere preußisch wurden. Dass heißt, Berg wurde preußisch bereits am 5.4.1815, noch ehe es 1822 eine Vereinigung der gesamten preußischen Besitzungen am Rhein unter dem neuen Namen „Rheinprovinz“ gab. Mit den alten clevischen Besitzungen Preußens an diesem Tag durch entsprechende  Staatsakte als „Provinz Cleve und Berg“  vereint, ging es in der Tat  früher als der andere preußische Erwerb am Rhein, das sog. Großherzogtum Niederrhein, an Preußen über. Landrat Maurer unterstreicht  anlässlich einer Einladung in Berlin, an der er teilnahm, und  in einer Mitteilung des Kreisblattes vom 13. März diesen Sachverhalt.

Wie der weitere Verlauf sich ausnimmt, verdeutlicht das Blatt in mehreren folgenden Ausgaben. Am 8.4. heißt es noch hoffnungsfroh, der Kaiser werde den Landkreis wahrscheinlich auf der Rückreise von Aachen  und nach dem Aufenthalt in Köln  besuchen, so das Intelligenzblatt für die Kreise Siegen, Wittgenstein, und Altenkirchen zitierend. Aber Tatsache bleibt, Wilhelm I. möchte außer der Teilnahme an den Feierlichkeiten in Aachen und dem Besuch am folgenden Tag in Köln  keine zusätzlichen Reisen. Und so folgt am 4.5. 1865 im Waldbröler Kreisblatt deutlich zerknirscht, aber durchaus im untertänigen und gehobenen Amtsstil der Zeit verbleibend, unter „Amtliche Bekanntmachungen“ folgende Mitteilung des Landrats an die Kreisbewohner:

 

b) Text

 

In Verfolg meines Publicandums vom 20. v. Mts in Nr.16 dieses Blattes habe ich zu meinem schmerzlichsten Bedauren den Eingesessenen zu eröffnen, dass sie auf das erhoffte Glück, Seine Majestät bei Gelegenheit des bevorstehenden Besuches von Aachen im Kreise empfangen zu dürfen, verzichten müssen. Die Gründe dafür sind in dem an mich gerichteten Schreiben des Kgl. Hof-Marschall-Amtes vom 1. d. M. entwickelt und lasse ich dasselbe nachstehend folgen. Der Kreis Waldbröl hatte es gewagt, sich die Auszeichnung eines Allerhöchsten Besuches im Hinblick auf die historische Tatsache zu erbitten, dass die bergischen Lande schon am 5. April 1815, früher also als die übrigen Teile des Rheinlandes und für sich allein unter die preußische Herrschaft getreten waren. Die Worte des citierten Schreibens, dass Seine Majestät „ für  dies Mal den Plan, den Kreis Waldbröl zu berühren,  haben aufgeben müssen“, lässt die Hoffnung bestehen,  dass Allerhöchstdieselben in späterer Zeit geruhen möchten, die Bitte des Kreises huldvollst zu berücksichtigen.

Waldbröl, den 4.Mai 1865

Der Königliche Landrath

Maurer

 

 

 

 

 

.