Eine frühe Wachstumskritik 

a) Situation und Anlass

 

Dass im Süden des heutigen Kreises lange Zeit die Landwirtschaft das Sagen hatte, wenn auch dort weitgehend nur Subsistenzwirtschaft des Reliefs wegen betrieben werden konnte, gehört zum Grundwissen. Es äußerte sich, nachdem der Aufschwung spät begonnen hatte, im Alltag, im Handel, im Warenangebot, auch wohl in Machart und Aufmachung der örtlichen Presse. Die Kreisfunktion änderte daran wenig. Die Industrialisierung, die entlang der sog. Aggerschiene dank tatkräftiger Unternehmer erfolgreicher war, verstärkte diese Art scheinbarer Aufgabenteilung. Sie verführte im spät entwickelten Süden u.a. dazu, Fortschritte in der landwirtschaftlichen Technik zu suchen, um höherer Erträge und besserer Einkommen willen. Später war es die Politik, die den gordischen Knoten zerschlagen sollte. Auch wünschte man sich früh eine seit langem fehlende lokale Industrieansiedlung, was aber ohne infrastrukturelle Maßnahmen, sprich bessere Straßen und verstärkte Eisenbahnanbindungen, keine Chance hatte.

 

Es konnte nicht ausbleiben, dass führende Köpfe bald den Widerspruch und die Ursachen sahen und zur Feder griffen. Der Freiherr, der in seiner Kritik kurz vor dem Ersten Weltkrieg seine Bedenken gegen falsche Wachstumsvorstellungen  äußerte, gehörte zweifellos dazu. In einer längeren Zuschrift äußert er sich kurz vor dem großen Krieg zu dieser Entwicklung (WZ 18.2. 1911). Die Zeit der erwarteten fetten Jahre sei bei angemessenem Handeln entweder längst gekommen oder werde nie mehr kommen, so der Tenor seiner Zuschrift. Sollte er Recht behalten? Tourismus und Naturerhalt steckten erst in den Anfängen. Hier ein Auszug.

 

b) Text

 

…In diesen letzten vierzig Jahren sahen wir Weinberge entstehen, wo Wald oder Ackerbau einträglicher gewesen wäre. Der Dampfflug arbeitete unheimlich viel und hat auf vielen Flächen mehr Schaden als Nutzen gestiftet. Meilenweite Wegestrecken wurden mit Obstbäumen bepflanzt in Gegenden, wo seit Generationen bekannt war, dass Obst dort nur in wenigen vereinzelten günstigen Lagen gedeiht ….Waldflächen wurden mit nicht unerheblichen  Kosten gerodet und zu Ackerland oder Viehweiden gemacht, worin bald nur Binsen und Schilfgräser wuchsen. Viehweiden wurden geebnet, drainiert und als Ackerland benutzt, wo eine Aufforstung sich billiger und ertragsreicher gestaltet hätte…..

…Während so vielfach gegen die natürlichen Verhältnisse gearbeitet war und Misserfolge nicht ausblieben, erschien der Kunstdünger; er wurde als rettender Engel gepriesen und in schier unglaublichen Quantitäten und Qualitäten verwendet, aber auch dieses Mittel war der Natur nicht gewachsen und versagte dort, wo man gegen die Natur gearbeitet hatte….