Planung - irreal (1927) 

 

 

a) Situation und Anlass

Je kleiner der Ort, umso größer eines Tages die Versuchung großer Pläne. Freilich bedarf es für solchen Luxus des günstigen Augenblicks, der sich dann ergibt, wenn ein erster Wohlstand die nötige Freiheit der Planung möglich macht. Kleinste Ortschaften werden im Lauf ihrer Geschichte solche Momente nie kennen lernen. Es bedarf also einer gewissen Größe und Wohlfahrt, um in die Versuchung zu kommen, mehr zu wollen , auch als möglich. Dass der Magen größer sei als der Verstand macht der spöttische Volksmund gerne zur wichtigsten Voraussetzung.

Der eigene Ort erreichte irgendwann im 19, Jhd. diesen Zustand Wir fragen nicht, wann genau das war. Es waren nicht in erster Linie die privaten Entwürfe, die ihn dokumentierten. Voran ging die Infrastruktur. Schneller in die Ferne zu kommen war das Begehr. Was noch vertretbar war. Damit  der Gang zur Liebsten, „die Frei“ also;  nicht im  Nachbardorf endete. Voran gingen aber auch die Entwürfe öffentlicher Bauten. Man wollte statt des Büros, das der Not gehorchend im Haus des Funktionärs untergebracht war, das große Gebäude, ein Rathaus,  eine bessere Schule, ein größeres Postamt usw. Ein ganzes Museum architektonischer Entwürfe, die nie realisiert wurden, böte sich für diesen Ort wie für viele an.  Kurz, man begehrte alles das, was größer geratene Gemeinwesen längst besaßen. „Größenwahn“ inklusive.

Der ging noch ganz andere Wege. Was eines Tages dazu führten mochte, dass verderbliche Größe angesagt war. . Ein drittes Reich etwa musste her. Eine Versuchung bis in die Gegenwart, mögen manche sagen. Als Zeichen der Werbung und der Massen, die allem einen höchsten Wert geben.

Aber schon vorher zeigte sich die Versuchung in kleinerer Form. Man begehrte etwa eines Stadtwalds zum Lustwandeln, eines ragenden Turms auf naher Höhe, Veränderung der großen Plane bei kleinem Geldbeutel war angesagt. Glücklicherweise ein Aprilscherz 1927 aus der Feder eines Redakteurs vor Ort.

 

 

b) Text

 

Waldbröl im Zeichen großzügiger Pläne. Stadtwaldanlage- Saalbau- „Bergische Halle“.

Man hat unsern Gemeindevätern so oft Kurzsichtigkeit und Engherzigkeit vorgeworfen. Wir freuen uns, durch Zufall in die glückliche Lage versetzt zu sein, diese Anwürfe schlagend zu widerlegen. Im Hinblick darauf, dass Waldbröl demnächst [1]zur Stadt erhoben wird, hat die Gemeindevertretung in geheimer Sitzung beschlossen, einen Stadtwald zu schaffen. Sie wird für diesen Zweck die Anhöhe mit dem Aussichtsturm und das anschließende Tal bis einschließlich Villa „Waldesruh“[2] erwerben, dazu einen Teil der Wiesen am sogenannten „alten Weg“. Das so umgrenzte Gelände wird durch einige neue Straßen aufgeschlossen.

 

Es folgt eine ausführliche Beschreibung der Anlage und der projektierten „Bergischen Halle“, die als Projekt im Laufe des Jahrhunderts und darüber hinaus  ebenso utopische Nachfolger haben sollte. Von ihr heißt es:

Die „Bergische Halle“ , wie ihr Name lauten wird, soll an der neuen Straße vor dem Eingang in den eigentlichen Park stehen, doch von ihr etwa 20 Meter zurückspringen, um einen Aufmarschplatz für Vereine, Wagen und Autos zu schaffen. An der Längsseite führt eine Freitreppe zu drei großen Türen. Diese schaffen Eingang zu einer breiten Wandelhalle , in der Garderoben und Toiletten untergebracht werden. Von dieser Halle aus gelangt man durch breite Schiebetüren in den Saal und auf Treppen zu seinen Galerien, die an drei Seiten des Raumes herumführen. Eine Querseite ist mit einer Bühne ausgestattet, mit daran anschließenden Ankleideräumen ….

Es folgen eine eingehende Beschreibung und der Schluss, der auf Verfasser und das Scherzdatum hinweist.

Wir beglückwünschen die zukünftige Stadtverwaltung zu diesem überaus großzügigen Projekte, das den Namen Waldbröls weit hinaustragen wird.

Kal. Apr.

 

[1] In Wirklichkeit:  dreißig Jahre später 1957

[2] heute Bitzenweg , zuletzt Polizeistation und Forstamt, seit Nachkriegszeiten  im Besitz des Landes NRW.