Das „Notscheid“ als Grenze (vor 1604)[1]

 

Ein bruchstückhafter Auszug aus der Akte Jülich- Berg II, 95 im NRW Archiv Duisburg betrifft einen interessanten Grenzumgang, welcher ein Stück Grenze zwischen Homburg und Berg in seinem Verlauf  vor dem Siegburger Vergleich (1604) beschreibt. Der Weg geht über die Alte Straße durch „das Notscheit“ und soll vermutlich die lange strittige Zugehörigkeit der sog. 14 Höfe zum bergischen Windeck beweisen, jener Höfe also,  die südlich der Alten Straße lagen und nach 1604 kirchlich zum neuerdings bergischen Waldbröl gehörten, ansonsten aber nun zum sog. Hof Rosbach (ebenfalls Windeck) gerechnet wurden.  Über lange Zeit ging der Grenzstreit zwischen Sayn und Berg in diesem territorialen Mischgebiet, ehe er am Ende des 16. Jhs mit einer Reihe von Prozessen vor dem Reichskammergericht landete. In diesen Zusammenhang  gehört auch die von bergischer Seite initiierte und glücklich erhaltene Manuskriptkarte des Arnold Mercator von 1575, die als bergische Prozeßunterlage genutzt wurde. Erst 1604 kam es durch den ersten der  beiden sog. Siegburger Vergleiche unverhofft zur Entmischung und zu  klaren Grenzen zwischen diesen Gebieten. Das Kirchspiel Waldbröl wurde bergisch. Nun war der talwärts gelegene Bachlauf des Waldbrölbachs die südliche Grenze Homburgs und die 14 Höfe gehörten definitiv zum Herzogtum Berg. Dem ersten Prozess von 1572 voraus gingen das ganze Jahrhundert hindurch Übergriffe vor allem der Berger, denen an einer Ausdehnung und Befestigung ihres Einflusses gelegen war.

Im vorliegenden Fall geht es um  die Seite 18 der umfangreichen Urkundensammlung  JB II, 95 , wo die sog. Landleitung aufgezeichnet ist. Eine Mail des Archivs wies daraufhin, dass die Akte 236 gezählte Blätter (= 472 Seiten) umfasse und  laut Aufschrift eine Laufzeit von 1551 bis 1777 habe. Darunter befinden sich auch  z.T. nur bruchstückhafte Abschriften älterer Urkunden, die bis ins 15. Jhdt zurückgehen, wie die unserm Auszug vorangehende Urkunde mit Datum 1467 es zeigt. Es könnte sich bei vorausgesetztem chronologischen Aufbau der Abschriften also sehr wohl um einen Grenzumgang desselben Jahres handeln, womit u.a. auch für dieses Jahr eine sächliche Schreibung des Wortes Notscheit belegbar wäre[2]. Es spricht ferner für diese Datierung, dass die erwähnte Gerichtsstätte sich laut Corbach nur bis ca. 1550 an der genannten  Stelle befand. Die 1575 angefertigte Grenzstreitigkeitskarte des Arnold Mercator kennt die Gerichtsstätte an der alten Stelle nicht mehr und vermerkt stattdessen „Hier hat vormals Windecks Gericht gestanden“. Noch heute dokumentiert die Lage der Gerichtsstätte bergische Hartnäckigkeit vor 1604 und wird auf diese Weise zu einer besonderen Sehenswürdigkeit, wie der langjährige Landrat Maurer erkannte, der hier schon im 19.Jh. (1858) , lange  vor der Gedenkplakette von 1978,  eine Eiche pflanzte. Dass der Höhenzug bis Müschmühle nur an wenigen Stellen vorübergehend als Grenze diente, darauf wies zuletzt L.Wirths 2010 in einem Aufsatz hin[3].

An dem beschriebenen Umgang nehmen 13 in der Nachbarschaft wohnhafte Siebzig- Achtzigjährige teil, die namentlich genannt sind: Es sind dies insbesondere Arnt von Schönenbach, Henne von Schönenbach, der alte Simon von Krawinkel, Simon von Herfen[4] usw. Die weiter namentlich genannten  Begleiter stammen aus den Orten Baumen, Lützingen, Hufen, Schnörringen, Bladersbach  und Rosbach. Alle beeiden die Richtigkeit des Grenzverlaufs, der sie damit zugleich als brave bergische Untertanen ausweist. Der Umgang beginnt an der alten Straße im Nutscheid, folgt ihr bis zum Langenbusch und geht weiter bis zum Heiligen Stock oberhalb Lützingen. Sie folgt sodann  der Straße nach Erblingen und geht weiter  zum Gericht oberhalb von Kohlberg. Hier bricht die Abschrift nach einem Komma unvermittelt ab.

 

 

 

[1] Vgl FN 3.

[2] Damals schwankte möglicherweise bereits die Artikelverwendung bei –scheidnamen als Orts- und Flurnamen. Der älteste Beleg für Nutscheid findet sich derzeit  in der Abschrift einer Urkunde von 1384, wo das Gebirgsgelände als ein Teil des Bergrückens (s.u.) im Artikel abweicht. Leider gehen die bekannten Belege nicht bis in die älteste Schicht der fränkischen Ortsnamen auf –scheid zurück, die bereits im 9.Jh. erscheinen. Vgl FN 12 meines Beitrags in RB 2017/03.

Falls die Beobachtung von L. Wirths zutrifft, dass der Name Nutscheid in Urkunden der alten Zeit mit ihrem speziellen territorialen  Interesse nur für einen östlichen Teil des Höhenzuges, den Teilbereich also zwischen etwa Rotscheroth b. Ruppichteroth und Waldbröl als Geländenamen vorkommt, würde sich eine vereinheitlichte, also mit anderem (etwa männlichen) Artikel versehene Bezeichnung des erst spät in den Blick geratenen gesamten Höhenzuges bis Müschmühle (Sieg), für moderne geographische Zwecke erstellt und mit entsprechenden Vermerk versehen, trotz der sprachgeschichtlichen Bedenken als „Erfindung“  rechtfertigen (vgl. BGV-O, Beiträge. Bd.10, 2010  Nutscheid in Not? S.  61 ) Es wäre zugleich das Ende des Nutscheid-Artikelproblems.

[3] Wirths, L. Nutscheid in Not? in : Beiträge zur oberbergischen Geschichte, Bd. 10, S.52 f.

[4] Daß es sich um den Ort Herfen handelt, obwohl der Teilnehmer an dem Umgang bei Pampus, vgl. Erstnennungen oberbergischer Orte dem Ort Hufen zugerechnet wird, zeigt ein Vergleich des zweiten Buchstabens als r mit dem Ortsnamen Erblingen im gleiche Text. Mit dieser durch Vergleich nahe liegenden Korrektur würde die Erstnennung für Herfen möglicherweise 20 Jahre zurückverlegt, von 1487 bei Pampus auf das Jahr 1467. Der Ort würde derzeit also auf 600 Jahre Ersterwähnung zurückblicken. Ob die Zuweisung bei Hufen bleibt, ist strittig.