Die Photographie hält Einzug

Aber sie nimmt sich Zeit. Um kommerziell ergiebig und für die ländliche Kundschaft  in der Masse erschwinglich zu sein, springen erste Anbieter erst ein halbes Jahrhundert  nach der Erfindung der Fotografie auf den Zug. Es gab inzwischen erste Ateliers und Fotoapparate einer entwickelteren Bauart für den zahlungskräftigen Privatmann. Unhandliche Kästen, mit deren Platten und Belichtungseinstellungen man umzugehen verstehen musste. Mancher  fuhr in die Städte und besuchte dort einen mit der modernen Technik und Räumlichkeit ausgestatteten Fotografen, um das beliebte Visitbild, ein Porträt von sich selbst,  oder ein Atelierbild herstellen zu lassen , das ihn im familiären Kreis zeigte.

Aber ohne die große Neugier auf das neue Medium und das Resultat ging auch das nicht. Beides zu haben, die Neugier und den Mut, war, seit den Tagen, wo man  mit dem Zug in die Städte an Rhein und Ruhr gelangen und sich umsehen konnte, allerdings leichter geworden.

Waldbröl bekam schon 1870 seine Brölbahn,  und ab 1873 hatten Händler und Privatleute die Möglichkeit, nach Hennef  und weiter  mit dem Bähnchen oder dem Zug in Richtung Köln   zu gelangen. Die Siegtalstrecke ermöglichte die Weiterfahrt.  1906 folgte der eigene Staatsbahnhof, so dass man auch nach Osberghausen und ins Wupptertal nach Elberfeld oder Barmen gelangen konnte.

Es wundert also nicht, dass in der Waldbröler Zeitung  um die Jahrhundertwende die ersten Versuchungen auftauchen. Viel später also , als im nördlich gelegenen  Gunmersbach, wo nach neuester Erkenntnis berits 1859 die Fotografie begonmnen hatte, sich auszubreiten. (vgl. J. Woelke in RB, Heft 1, 2018) 1898 inseriert ein Anbieter Huth aus Obergeilenkausen wie folgt:

(vgl. Abb. 1)

 

Warum aus Obergeilenkausen? Nun, es gab als erstes die Brölbahn und die Zusteigemöglichkeit lag in Geilenkausen mit der Haltestelle Benroth beinahe vor der Tür. Der Anbieter fotografierte mit eigenem Apparat und den Rest besorgen seine Geschäftskontakte in Köln und Frankfurt. Auch Vergrößerungen, heißt es, „sind möglich.“

Bereits zehn Jahre früher gab es die ersten Mutigen, die versuchten, per Annonce in der Waldbröler Gegend selbst ihre Kunden zu finden.  Unter dem gleichen Annoncentitel „Photographie“ wie später  K. Huth versuchten sie auf ihre kurze Anwesenheit vor Ort hinzuweisen, kamen aus dem benachbarten Lindscheid, aus  Rheinbach, Schwelm und Düsseldorf in den Jahren 1887 (Abb.1.) , 1889 , 1895 und 1905, (Abb.2) , ehe um 1910 das erste Waldbröler Atelier  Wille auf sich aufmerksam macht.. Eine der frühesten bisher auffindbaren Annoncen eines Fotografen findet sich damit in der Ausgabe der Waldbröler Zeitung vom 7.5.1887 und davor eine allererste - eines Barmer Fotografen-  1865, dort   mit der Bemerkung verbunden, das Atelier zur Erstellung der Visitkarten befinde sich für kurze Zeit auf dem Viehmarkt (!). (Abb. 7)  Den Hinweis auf ein erstes ortsfestes Atelier vor Ort liefert erst viele Jahre später die erwähnte Annonce von 1911 (vgl. Abb.3, ,Atelier Wille) . Mehrfach inseriert allerdings ein Einwohner aus Mildsiefen bereits im Waldbröler Kreisblatt von 1873 , also 30 Jahre früher, unter Hinweis auf sein fotografisches Atelier und das dortige Angebot. Ein Pionier?

 

 Da die Entwicklung schnell weiter schreitet, verkauften erste Adepten der neuen Kunst schon bald ihre Ausrüstung, vielleicht um sich etwas Besseres zu besorgen. 1910  inseriert  ein Carl Hesse aus Morsbach, er verkaufe seinen Fotoapparat „billig  samt Stativ „  (27.7.), einen Monat später verweist das Druckhaus der Gebr. Flamm mehrfach hintereinander auf „40 verschiedene Ansichten"  des Ortes „ darunter „viele neue Aufnahmen“ und  auch das erste nun entstandene und täglich geöffnete Atelier in der Hochstraße, das dem Fotografen Wille gehört (Telefon Nr. 2)  , wirbt regelmäßig im selben Jahr, es übernehme sämtliche Photog. Aufnahmen “. (vgl. Abb. 4). Ab dem Jahr 1914 finden sich die ersten Fotografien in den Ausgaben der "Waldbröler Zeitung" , allerdings in erst wenigen Exemplaren pro Nummer. Sie illustrieren und kommentieren das Kriegsgeschehen .

 

Dass inzwischen die Fotografie sich Freunde hierzulande gemacht hatte, zeigte sich früh in ersten kostbaren Geschenken an verdiente Persönlichkeiten. So heißt es in der Holper evangelischen Schulchronik schon 1888 : „Am 16. Juni wurde gelegentlich der kombinierten  Lehrer-Konferenz Waldbröl-Gummersbach in Wiehl dem Königl. Kreis-Schulinspektor Herrn Prosch von Seiten der Lehrer seines Ressorts als Anerkennung seiner segensreichen Wirksamkeit ein Fotographiealbum mit ihren Bildnissen überreicht.“ Wieder einige Jahre früher  (1882) war  für den Gummersbacher Landrat von Sybel anlässlich seiner Hochzeit ein Album mit Ortsansichten der Ortschaften um Gummersbach angelegt und ihm als angemessene  Gabe verehrt worden[1] .

 

Auch die „früheste“ Fotografie[2] unserer Stadt eines unbekannten  Fotografen dürfte in diesem Jahrzehnt  entstanden sein. Die 1884 erbaute Villa Venn scheint, sieht man den Zustand der rückseitigen Fenster, noch nicht in allen Teilen bezogen. Aber der Schein mag trügen. Nachdem 1903 der Aussichtsturm auf dem Hügel gegenüber (au dem Löh) entstanden war, war die Versuchung groß, den Ort vor allem auch des Lichts wegen aus südlicher Richtung zu fotografieren,. Es sind davon einige Ansichten, unter andern als Ansichtskarte ,  erhalten. Ein frühes Schulfoto mit Lehrern und Schülern aus dem Jahr 1886, entstanden anläßlich der Einweihung des Anbaus der ev. Schule im Mai des Jahres, entdeckte H. Simon (aufgenommen in  Heft 10  der Raiffeisenreihe, vgl. S. 22) .

 

Dass man in  umliegenden städtischen Ateliers bereits früher sein Konterfei erstellen lassen konnte, ist einigen wenigen Fotos in den Bildersammlungen von Emil Hundhausen und manchen anderen in Privatbesitz zu entnehmen. Eine Fotowut scheint es vor der Jahrhundertwende auf dem Land  allerdings nicht gegeben zu haben. Die meisten hinterlassenen und vererbten Bilder stammen  aus dem folgenden Jahrhundert. Anderswo begegnet damals bereits eine Fülle von Fotografien . Reisende Fotografen waren auf den Dörfern unterwegs. Auch der Erste Weltkrieg ist fotografisch gut dokumentiert. Ansichtspostkarten der Orte vor 1900  waren meist gezeichnet,  wurden in Lithografietechnik  erstellt und einnehmend coloriert angeboten. So wie auch die ersten schwarz-weiß Ansichten gelegentlich nachcoloriert wurden. Erst nach und nach kamen erste Fotografien als Ansichtpostkarte hinzu. Während Waldbröl ab 1903 gerne aus südlicher Richtung von Kaiser-Wilhelm-Turm aufgenommen wurde, sind die früheren Aufnahmen vom  nördlichen Talrand aus erstellt worden. Die klassizistische Villa des Dr. Venn, gebaut 1884, bildet dabei einen wertvollen Anhaltspunkt dafür, dass die Aufnahme in der Zeit nach Fertigstellung des kubischen Baues  entstand.

 

Was das Auftauchen erster Fotos in der Presse angeht, so muß man bis 1913 warten, bis ein erstes Foto und zwar das des Kaisers in der "Waldbröler Zeitung" zu finden ist. Während des Weltkrieges hören die zögerlichen Versuche wieder ganz auf und man muß bis Ende der Zwanziger Jahre warten, ehe in einem Umfeld, wo es schon regen Fotojournalismus gab,  die Rasterbilder in  der hiesigen Presse erneut eine Chance haben.

 

[1] 10 Fotos daraus enthält der Bd 2 der „ Oberbergischen  Geschichte“ , erschienen 1998  auf den Seiten 292-296

[2] So nach Überzeugung  (2015) des Waldbrölers  S. Hillenbach , der freundlicherweise die Aufnahme digitalisiert zur Verfügung stellte..K. E. Siepmann vermutete in einem Aufsatz 1986, der Bauherr Venn selbst sei der Auftraggeber für das Foto gewesen. (Festschrift zum 125 jährigen Jubiläum der Hollenbergschule",  S. 175 ) . Ein erster Hinweis auf ein Litho von Waldbröl erscheint bereits im Waldbröler Kreisblatt von 1863

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