Die Gründung der Heil- und Pflegeanstalt Waldbröl 1897

 

Man findet leider im bisher Publizierten  nur wenig Erhellendes und Ausführliches zu den Anfängen dieser Einrichtung[1]. Es sei denn, man nimmt die zahlreich erhaltenen Ansichtspostkarten mit den Fotos der mächtigen Gebäude am leeren Ortsrand als Ersatz[2]. Dass der Volksmund dies verhinderte, wo seit je Vorbehalte vergleichbaren Einrichtungen gegenüber im Schwange waren, ist nicht belegt. Dass die Entscheidungen damals wie üblich von nur wenigen Honoratioren getragen wurden, ebenfalls nicht.

Eher spielt die verzweigte Geschichte des Hauses am entlegenen Schaumburgweg eine Rolle. Was heute als buddhistische Einrichtung (EIAB) nach abermaligem Umbau in den komfortablen Räumen der alten Bundeswehr und des nicht zu Ende gebauten KDF-Hotels von Rudolf Leys Gnaden untergebracht ist, verdeckt allzu leicht die Geschichte des Hauses vor 1936, also  in den Jahren, wo das Haus zweimal dem ursprünglichen Zweck diente, mit einer Unterbrechung nach dem Ersten Weltkrieg, als eine Fürsorgeeinrichtung einige Jahre die Baulichkeiten in Anspruch nahm. Der komfortable Umbau ab 1936 und die Überführung der letzten Patienten 1938 nach Hausen /Ww. hinterließen eine Fama, die zweifellos abträglich war.

 

Dass sich die Prinzipien der Unterbringung und Versorgung von geistig Behinderten im Laufe der Jahrhunderte in Westeuropa und damit auch in Preußen bereits geändert hatten, als der Bau entstand, ging zweifellos nicht erst aus den Worten bei den Eröffnungsfeierlichkeiten der evangelischen Einrichtung in Waldbröl im Jahr 1897 sowie aus der in der Presse überlieferten Rede des leitenden Arztes Dr. Scholz hervor[3]. Er war in den ersten fünf Jahren dort als medizinischer Leiter tätig.

Was in den Jahrhunderten zuvor Usus im Umgang mit sog. Geisteskranken war, spiegelt sich in seinen Worten nur ansatzweise. “Wer von Ihnen“, heißt es,“ einmal eine ältere Irrenanstalt gesehen hat, der wird den Unterschied zwischen ihr und der unsrigen empfunden haben, schon bevor er die Anstalt betrat: keine hohen Mauern und Zäune umgeben das Gebäude, die Fenster sind sämtlich gitterlos, wenn auch in den Abteilungen für Unruhige aus dickem Glas gefertigt, und was das Innere des Hauses anlangt,  so werden Sie selbst Gelegenheit haben, zu beurteilen, inwiefern für Behaglichkeit und Wohnlichkeit der Räume Sorge getragen worden ist. Von der Anwendung mechanischer Beschränkung, Zwangsjacke und dergleichen ist selbstverständlich keine Rede mehr. Die Grundsätze unserer modernen Irrenpflege lassen sich mit zwei Worten wiedergeben: …“ Es geht dabei vor allem um Maßnahmen der Ruhigstellung für die einen und eine angemessene Beschäftigung für die übrigen, wobei im damaligen Preußen in erster Linie an landwirtschaftliche Tätigkeiten im entsprechenden Umfeld und an geistliche Betreuung gedacht war.

Der Arzt führt im einzelnen aus, worin die deutlichen Veränderungen gegenüber früher bestehen. Ähnlich tut er es wenige Monate später in einem Vortrag mit dem Titel „Die frühere und jetzige Behandlung von Geisteskranken“, gehalten im Festsaal der Anstalt.[4] Und um der Bevölkerung jegliche negative Vorstellung von der modernen Irrenpflege zu nehmen, folgen weitere Vorträge, etwa „Bilder aus der Irrenanstalt“ , kurz vor Weihnachten 1900, die das Bild der Gemeinverträglichkeit einer solchen Behandlung vertiefen.

Dazu passt, was bei der Eröffnungsfeierlichkeit Dr. Venn über die Entstehung dieser Einrichtung auf dem Land sagt, nämlich es sei das Gesetz vom 1.7.1891 gewesen, das  mit seiner Übertragung der „Fürsorge für Irre, Idioten und Epileptiker“ von den Kommunen auf den Landarmenverband und nach dem Erfolg der katholischen Einrichtungen zu dem Entstehen erster protestantischer Anstalten am Ende des 19. Jhs geführt habe.

Platzmangel in der Unterbringung und kirchliches Konkurrenzdenken waren es also letztlich, was die Provinzialverwaltung , sprich den Landarmenverband, zu der Förderung erster protestantischer Einrichtungen im Bergischen führte.

Dazu passt desgleichen, dass die Oberaufsicht der Kirche übertragen war, die damit in die öffentliche Irrenpflege einbezogen wurde. Nicht nur eröffnet Pastor Hollenberg mit seiner Festpredigt im Rahmen eines Gottesdienstes den Tag, er begrüßt auch später die Vertreter der kirchlichen Behörden, also der ev. Mission, die als Provinzialverwaltung hinter dem lokalen Projekt stand.

Fragt man nach einer genaueren Darstellung und einer Entwicklungsgeschichte der Behandlung von Abnormität und machtvoller Ausgrenzung in der Gesellschaft, die auch die sog. Irrenpflege einschließt,  so wird man wahrscheinlich  bis in unser Jahrhundert warten müssen. Eine der vielen sozialgeschichtlichen Beiträge[5] und der philosophischen Betrachtung durch die  Jahrhunderte seit dem Mittelalter verbindet sich mit dem Namen des französischen Denkers Michel Foucault, der  1961 in Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft.  , deutsch. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1969 die Geschichte des Wahnsinns quer durch die europäische Gesellschaft begrifflich aufwändig verfolgt.

 

 

 

 

[1] Einige Zeilen über das Wirken von Dr. Venn in der Festschrift zur Stadtwerdung von 1957 , S.92 müssen genügen . Es heißt dort, aus der Feder des einstigen Journalisten H. Wirths:

Sanitätsrat Dr. Venn war es auch, der mit Pastor Hollenberg den Bau der Heil- und Pflegeanstalt so nachdrücklich betrieb. Er vermochte als Abgeordneter den Landtag und besonders den Landeshauptmanr dafür zu gewinnen, daß die auf Aktien gegründete Anstalt für Geistes kranke nicht nur mit Geld, sondern auch durch die Überweisung vor Kranken, für die die Provinz zu sorgen hatte, lebensfähig blieb. Das große Anstaltsunternehmen hat dann auch dem Ort Waldbröl viele Jahre lang nicht geringen wirtschaftlichen Nutzen gebracht.

Die einzige längere Darstellung findet sich  in Band 2 der „Beiträge zu oberbergischen Geschichte“, S. 126 ff. von H. Simon unter dem Titel“ Zur Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt Waldbröl“ (1893-1938), vgl. den Link in unserer Skizze

[2] Vgl. die Fotos in den „Bilderwelten“ , dort ebenfalls unter Häuserwelten, Funktionsbauten 2

[3] Waldbröler Kreisblatt 13. Juni 1897 

[4] Waldbröler Kreisblatt 1.12.1897

[5] Vgl. Blasius, Dirk, Der verwaltete Wahnsinn. Eine Sozialgeschichte des Irrenhauses. Fischer 1980