Waldbröler Stadtspaziergänge

Der Förderverein der Stadtbücherei "Lieber Lesen" hat vor Jahren eine Serie von kurzen Beschreibungen erstellt, die an Schwerpunktthemen entlang mit einzelnen Örtlichkeiten und Themen bekannt machen. Sie sind auf der Webseite der Stadt abrufbar und gedruckt auf der Geschäftsstelle der WIR-FÜR -WALDBRÖL GMBH , Hochstraße 11 zu den dortigen Öffnungszeiten (Mo-Sa 10-12 und Mo -Fr 16-18 Uhr) in Druckfassung erhältlich,

 

Der folgende Spaziergang möchte einem Fremden einen konzentrierten  Blick auf die Stadt in einem etwa 2 stündigen Rundgang vermitteln, der von der Altstadt ausgeht und zum Zentrum zurück kehrt. Es ist dies möglich, weil der Ort in der Quellmulde des Waldbrölbaches liegt und von Höhen umgeben ist, die, wie von einem Balkon, einen weiten Blick über die  Stadt hinweg  erlauben. Der Waldbrölbach mündet vereint mit der  ganz in der Nähe entspringenden  Homburger Bröl bei Allner/Hennef  am Ende des Bröltals in die Sieg.

Weitere Rundgänge könnten sich an den genannten Stadtspaziergängen orientieren.

Wir beginnen den Rundgang in der Altstadt am Anfang der Hochstraße vor der ev. Kirche. Hier spielt sich alle vierzehn Tage donnerstags das traditionelle Vieh- und Krammarktgeschehen ab, das in anderer Form seit mehr als einem Jahrhundert Besucher von weither und aus den Außenorten unverändert anzieht. Es belebt bis mittags den Ort mit bunten Verkaufsständen und dichtem Marktgeschehen. Wir kommen am Ende des Spaziergangs auf der Höhe des Zuccalmaglio-Denkmals noch einmal auf die Hochstraße als Ausgang zurück

Die ev. Kirche datiert mit ihrem Turm aus dem 12. und mit dem übrigen Teil aus dem 19.Jh. Das inzwischen mehrfach umgestaltete Innere gibt sich als Neubau im Stil der Normalkirchen des preußischen Architekten Schinkel, erbaut zwischen 1841 und 1843 (offiz. Einweihung 1856) . Ganz frisch ist die Gestaltung der Umlage.  Der Turm und der Taufstein im Innern sind die einzigen Überreste aus den Zeiten des Mittelalters und aus jenen Jahrhunderten, als der Ort (1131) zum ersten Mal in einer Urkunde des Bonner Cassius Stiftes erwähnt wurde. Die Ersterwähnung erfolgte im Zusammenhang mit der Auflistung der verstreuen rechts- und linksrheinischen Besitztümer und Einkunftsrechte des Stiftes, die sich das Stift in Lüttich vom Papst Innozenz II. damals bestätigen ließ.

Waldbröl blickt damit wie nur wenige Orte des Oberbergischen (5%) auf eine Erstbesiedlung im Mittelalter und eine Erstnennung in der Zeit der frühen innerbergischen Landnahme (9--12. Jh ) zurück. Eindrucksvoll ist mit seinem gedrungenen romanischen Rundbogen das Portal des Turms, das an diese fernen Anfänge erinnert.

Auffällt in dem von der Bröl und dem Talgrund zum Kirchplatz hin ansteigenden Gelände das deutliche Gefälle zur Hauptdurchgangsstraße des Ortes, wobei sich der Anstieg zum Wiedenhofgelände im Rücken und nach Süden hin fortsetzt und so die Talmuldenlage betont. 

Das große verwitterte Exemplar einer Grabplatte, lange  an der Eingangstreppe zum Kircheninnern, erinnert an die Anfänge der Familie Quad von Isengarten und jenen Adolf Quad, der Mitte des 15.Jhs (1466) in das unweit entfernte, lange saynische Rittergut Isengarten einheiratete und bis 1509 Amtmann von Windeck und berg. Rentmeister zu Blankenberg war .Er wurde 1509 in der Kirche begraben. Der Grabstein fand sich 300 Jahre später (1840) beim Neubau des Kirchenschiffs. Die Inschrift lautet, heute kaum mehr lesbar " In dem jar unsers Herrn XV und IX am XIII nachs Allrhilligen starff der veste und frome Ayleff Quadt zu Isengardten, dem Got gnädig sy. "

Dem preußischen König Friedrich Wilhelm III., der den Neubau des Kirchenschiffes einst finanziell unterstützte, errichtete die Bürgerschaft 1863 zum Dank und Gedenken eine Porträtbüste, die ursprünglich an der Westseite der Kirche platziert war.  Ihre Einweihung am 17.3.1866 sollte bewusst an den Tag 50 Jahre zuvor und die Ansprache des Königs „An mein Volk" erinnern, welche den Befreiungskampf gegen die napoleonische Fremdherrschaft einleitete.

Wie turbulent das Jahr der Völkerschlacht von Leipzig angefangen hatte, davon zeugt das Schicksal des 19 jährigen Aufrührers Paul von Bettenhagen, der einen Monat vor der Rede des Königs von französischem Militär am 15.2. 1813 nahe der Kirche  erschossen wurde. Damals erhoben sich im ganzen Bergischen die Rekruten und Teile der Bevölkerung gegen den französischen Kaiser und sein Zwangsregiment. Wo genau die Erschießung stattfand, ist auch mithilfe des späteren ausführlichen Berichts von 1832 in der ev. Pfarrchronik nicht genau anzugeben. Die Geschichte des Aufstands ist als  Inhalt eines Romans des Düsseldorfer Autors Clas Evert Everwyn von 1988 mit dem Titel "Sterben kann ich überall" nachzulesen .

Die Kirche wurde nach Einführung der Reformation 1563 samt dem damals anliegenden Friedhof von den Protestanten genutzt und ihnen nach Ende des jülisch-clevischen Erbfolgekrieges Ende des 17.Jhs zugesprochen. Dazu gehörte ein weiträumiges Kirchengelände nahe der Oststraße und entlang der ansteigenden heutigen Wiedenhofstraße, die stadtauswärts am ev. Gemeindehaus und den seitwärts gelegenen Pfarrhäusern vorbei zur 1910 erbauten Wiedenhofgrundschule und deren Schulplätzen führt.

Wir folgen dieser Straße und ersteigen der Straße folgend die südlichen Höhen am Rand des Talkessels. Sie führt seit den frühen 4oer Jahren als breite Auffahrt zwischen dem sog. Alten Friedhof linker Hand und dem Neuen Friedhof (rechts) bergan, erreicht an der bruchsteinernen Eingangsmauer des Alten Friedhofs, am Eingang zum Hochseilgarten und an der Städt. Sonderschule (Roseggerschule) vorbei die Höhe nahe dem Städt. Friedhofsgelände. Eine größere städt. Neubausiedlung aus den 60-70er Jahren haben wir links liegen lassen.

Gegenüber dem Eingang zum Friedhof liegt das Anfang der 40er Jahre errichtete ehemalige Baubüro der auf der angrenzenden Höhe geplanten Adolf-Hitlerschule, heute Schullandheim eines Düsseldorfer Gymnasiums. Der Grundstein wurde 1938 gelegt. Die breite Straße entlang der Stützmauer und zerfallendem Mauerwerk erinnert an ein nicht vollendetes Bauprojekt der damaligen Machthaber, zu dem weitere Planungen gehörten, die wegen des Krieges mit wenigen Ausnahmen nicht ausgeführt wurden.

Seitdem bietet die Straße von oberhalb der sog. Friedensmauer den Waldbrölern und Besuchern der Stadt einen herrlich weiten Blick über den Stadtkern hinaus in die Landschaft mit umliegenden Dörfern.

Unweit von hier verlief Jahrhunderte hindurch die heute sog. "alte Straße"

aus dem Rheintal in Richtung Siegen. Diese Fernverkehrstraße über das Nutscheid erfüllte bis ins 18.Jh. wichtige Transportfunktionen. Ein kurzes Stück der Trasse, von der ein Teil vor Jahrzehnten für militärische Zwecke ausgebaut wurde, heißt heute noch Nutscheidstraße. Dass der Volksmund sie als Römerstraße mit einer frühen Durchquerung der Wälder durch die Römer in Verbindung bringt, entbehrt der historischen Grundlage.

Oberhalb der Stadt an dieser ehemaligen Fernstraße gelegen, entsteht auf ehemaligem Bundeswehrgelände derzeit der Naturerlebnispark Nutscheid, mit neuerem Namen Panarbora, als ökologisches Freizeit- und Jugendzentrum von überregionaler Bedeutung.

Am Ende der Straße führt uns nach einer Rechtskurve der Bitzenweg mählich absteigend zurück in die Stadt. Ein Blick auf die Mauer mit der von Schülern angebrachten Inschrift „Nie wieder Krieg" erklärt den Übernamen Friedensmauer für diese Hinterlassenschaft des 20.Jhs. Dort, wo sich am Ende des Weges die Straße zwischen einigen erhaltenen und renovierten Fachwerkhäusern verengt, am sog. Bitzentor , berühren wir wieder die Altstadt, einst das alte Dorf, wo sich lange neben einer Hufschmiede auch noch ein landwirtschaftlicher Betrieb mit Ställen befand. Ganz in der Nähe, der quer verlaufenden Hahnenstraße, hatten am Anfang des 19.Jh. Landrat Joesten und Bürgermeister Venn, die ersten Beamten in preußischer Zeit, nach 1816 ihre Wohnungen.

Auf der Höhe des seit 2003 unweit zu erkennenden Zuccalmagliodenkmals, oberhalb der katholischen Kirche und ihres davor liegenden aus dem Jahr 1855.stammenden ebenfalls bruchsteinernen Pfarrgebäudes im Stil der Zeit gelangen wir wieder auf die Hochstraße. Hier endet unser Erkundungsgang. Die hinter dem klassizistischen Pfarrhaus und seiner Giebelmadonna erkennbare katholische Kirche gehören ebenfalls zum alten Ortskern . Ebenso wie das nahe gelegene Zuccalmagliodenkmal  laden sie nach einer Ruhepause zu  einer persönlichen Fortsetzung der Stadterkundung ein. Vielleicht ertönt zur Einstimmung gerade das seit kurzem dort zu hörende Glockenspiel.