Abschiedsrede des Konrektors Branscheid an den scheidenden ersten sog. Sonderlehrgang und zugleich ersten Abiturjahrgang überhaupt (1948) - Ein Dokument des Neuanfangs

 

 

a) Situation und Anlass

 

Dass Ernst  Branscheid  (1879–1957) als pater gymnasii  und als  jemand, welcher der Schule als kommissarischer. Leiter nach vielen Jahren eigenen Schuldienstes (1910-1949) im Jahr 1948 einen ersten Jahrgang Abiturienten verabschieden konnte, war  nicht nur für  ihn, den weit über die reguläre Berufszeit Tätigen, zugleich Abschluss und Höhepunkt. Es war nicht zuletzt für Schule und Ort etwas Besonderes. Dem entsprechend die Abschiedsstunde.

Da sind auf der einen Seite zurückgekehrte  Kriegsteilnehmer, die sich nach allem, was ihnen und dem Land geschehen, noch einmal auf die Schulbank setzten und nun  ein lange angestrebtes persönliches  Ziel erreicht sehen. Inmitten von Gedanken und Erinnerungen, die sie in jedem Augenblick aus der Schulwelt weit hinweg zu führen vermögen. Verdienstvolle Namen späterer Jahre darunter. Da sind im Raum die jüngeren Jahrgänge, die im Kreis der ungewohnt Älteren einer nicht weniger  offenen Zukunft entgegen sehen. Da sind Eltern und Verwandte, Gefahren entronnen und  dem Leben zurückgegeben.  Vor ihnen ein zusammen gewürfeltes Kollegium der ersten Stunde, dessen Improvisationskünsten in dürftiger Zeit  sich die Absolventen noch einmal wie Schüler anvertrauten. Und da ist der alte Lehrer, der seit den  Jahren vor dem Ersten Weltkrieg täglich den Weg zum Alsberg ging  und inzwischen die turbulentesten aller Jahre hinter sich  weiß.

Vieles fließt in diesem Augenblick zusammen und wird beschwörende Sprache, getragen von dem Wunsch, das Geschehene hinter sich zu lassen. Von den alten Göttern und ihren falschen Versprechungen ist die Rede, vom Egoismus, lechzender Jugend, Verstümmelungen und  Flüchtlingslagern und von der Zukunft des zerstörten Landes.

Von Wirtschaftswunder spricht noch niemand. Noch gibt es die Bundesrepublik als Staat nicht, Trümmer des Krieges begegnen allerorten. Werden da die Welt Humboldtscher Bildung und wird der Glaube an die Brunnen von Klarheit und Wahrheit  ein Halt sein können? Am Schluss stehen die Worte des Türmers aus Goethes Faust –  als letzte Gabe der Schule  und wie eine Ermutigung zum Leben in eine ungewisse Zeit hinein. Hier der Anfang

 

b) Text

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Die freundlichen Worte, die heute zu mir gesprochen wurden, könnten mich stolz machen ... wenn ich nicht schon so stolz wäre. Aus meinen Jugendtagen blieb mir ein Bild in goldener Erinnerung, das unser schlichter Lehrer der Volksschule vor uns entrollte, wie einst der Staufenkaiser auf dem Maifeld zu Mainz zur strahlenden Pfingstzeit alle Großen seines Reiches um sich scharte und zwei seiner Söhne zu Rittern schlug.

Mir ist es heute auch vergönnt, siebenunddreißig meiner Kinder den Adelsbrief zu überreichen, den Söhnen die güldenen Sporen und den Töchtern die goldene Rose zu verleihen. Mir ist es heute vergönnt, den ersten Abiturienten der alma mater Hollenbergensis das Zeugnis der Reife auszustellen.

Adel? Gold? Wo der Adel abgeschafft ist? Gold, da wir bettelarm geworden sind? Wer will uns wehren, wenn alte Privilegien zum Plunder geworfen wurden, einen neuen Adel aufzustellen, den Adel der Gesinnung und der Gesittung! Wer will uns wehren, wenn all unser Hab und Gut in Trümmern liegt, neue Schätze zu sammeln, Schätze, die nicht die Motten und der Rost fressen, und da die Diebe nicht nach graben und stehlen; beglückende Schätze, die unvergänglich sind, solange wir sie nicht selbst von uns werfen.

Sie, meine lieben mulae und muli, sind nicht alle von der Sexta an auf unserer Schule gewesen. Sie alle aber sind vor zweieinhalb Jahren zu uns gekommen, bar und bloß, mit leeren Händen, leeren Hirnen und leeren Herzen, mit zerschlagenen Hoffnungen, alle Ideale zerflattert, schuldlos beladen mit dem Ballast von 12 unseligen Erziehungsjahren, mitten in des Lebens Maienzeit verstoßen in die Wüste einer zertrümmerten Welt, einer sinnlos gewordenen Welt, einer Welt, die keine Ideale mehr kannte. Und Jugend bedarf doch der Ideale, sie lechzt danach.

Sie sind zu uns gekommen aus dem Schützengraben, aus der Gefangenschaft in Ost und West, aus den Internierungs- und aus den Flüchtlingslagern, und kaum einer nannte mehr sein, als das, was er auf dem Leibe trug, zwei, drei und mehr Jahre lang geregelter Arbeit entwöhnt, durch Hunger und Entbehrungen aller Art geschwächt, an Wunden und Verstümmelungen leidend, stumpf geworden und unzugänglich. In allen von ihnen aber glomm noch ein Fünklein, ein Rest des Glaubens und des Zutrauens: vielleicht kommt's noch einmal wieder besser!..[...]

Sie nahmen es in sich auf, dass nicht die Pflege des eigenen Ichs die Hauptsache ist, sondern die Sorge, wie vermag ich einer Umwelt den besten Dienst zu leisten. Sie wandten sich ab von alten Göttern, Nietzsche und allen seinen Nachbetern, die den Herrenmenschen predigten. Sie folgten Kant und seinem kategorischen Imperativ und den Vollendern dieses großen Philosophen, die zu einer Lehre von der Pflicht, dem Ich muß", das viel höhere Gesetz von der freien Neigung, dem brünstigen Wollen, hinzufügten.

Es war eine Lust, in Ihrem Abschlußexamen zu sehen und zu hören, wie vertraut Sie mit diesen Dingen waren und wie aus Ihren Worten ein freudiges Bekennen zu Ihren Lehrern sprach.

Ihr Abschlußexamen berechtigt Sie, auf alle Höhen hinaufzusteigen, zu dem, was menschliche Erkenntnis und göttliche Inspiration bis heute gebracht haben, zu allen tiefen Bronnen sich nieder zu neigen und zu schöpfen die Klarheit und die Wahrheit. Aber betrachten Sie dieses Recht nicht als ein Privileg, sondern als eine Pflicht, alle daran teilhaftig werden zu lassen, denn der Mensch ist nicht nur für sich selber da, er lebt sein Leben erst dann recht, wenn er es seinen Mitmenschen weiht. Wenn in goldenen Friedensjahren dem jungen Abiturienten die Glocke läutete: summa cum laude, summa cum laude, dann bekam er den ersten Frack ... die goldene Uhr, der Vater bewilligte ihm ein erstes, sorgenloses, nur der Lebensfreude geöffnetes, zu verbummelndes Semester. Mit all diesen schönen Dingen ist es vorbei. Vielleicht auf immerdar. Schwierigkeiten auf Schwierigkeiten türmen sich vor Ihnen auf: die Frage der Zulassung überhaupt, die Frage, wie soll ich mich nähren, wie mich kleiden, wo werde ich wohnen? Wird der von mir erwählte Beruf mir überhaupt je Brot verschaffen zum Leben? Auch dafür wissen Ihre Lehrer einen Rat. Einen Rat, der Erfolg hat. Und wie man einem reisefertigen Gesellen noch ein letztes Päckchen, noch eine letzte Liebesgabe ins Wandergepäck verstaut, nehmt diesen Rat! Und wenn die Welt voll Teufel wär: nie die Flinte ins Korn werfen, nie die Hände mutlos in den Schoß sinken lassen, auch nie verdrossen in der Tasche vergraben!.[..]

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