Das Ende der großen Geldentwertung November 1923. Aus einer Schulchronik

Aufzeichnungen vom November und Dezember 1923 des Chronisten E., der die Schulchronik einer der beiden  Volksschulen in H. bis September 1927 führte, ehe er nach Köln wechselte.

 

a) Situation und Anlass

 

Der vorliegende Bericht ist Teil der ausführlichen Chronik der täglichen Geschehnisse in der kath. Schule der Gemeinde. Die Elementarschulen waren zuerst in der Zeit des Kulturkampfes in den siebziger Jahren des 19:Jh. von der preußischen Schulbehörde angehalten worden, in einem Tagebuch sowohl Ereignisse des Schullebens als auch solche, die es beeinflussten, fortlaufend darzustellen. Damit verband sich in der Idee ein Programm, das nicht nur Wetterbeobachtung und gewerbliche Entwicklung, sondern auch die sonstigen Vorgänge einschloss, die im Leben  der Schule bzw. der Gemeinde von Bedeutung waren. Die Auslegung war unterschiedlich.

In Ausführung des Auftrags  begann so der zuständige erste Lehrer an der kath. Elementarschule des Ortes am 4.1.1875  seine Tätigkeit als Chronist, indem er zunächst die Entwicklung der Schule in den zurückliegenden Jahrzehnten darstellte, ehe er mit Aufzeichnungen zum Tage fortfuhr. Sorgfalt und Menge der Eintragungen wechselten mit den Chronisten. Die Chroniken wurden in Abständen kontrolliert und abgezeichnet. Das hinderte nicht, dass viele Chroniken aus unterschiedlichen Gründen in den folgenden Jahrzehnten eher lückenhaft geführt wurden und das Programm unterschiedlich eingehalten wurde. Darin mochte sich niederschlagen, dass das Elementarschulwesen in Preußen für die Behörde eher nachrangige Bedeutung hatte. Einige Schulen und Chronisten machen in der Führung der Chronik in Sachen Sorgfalt  jedoch eine deutliche Ausnahme, so dass Schulchroniken für manche Jahrzehnte eine wichtige Quelle darstellen.

 

 

b) Text

 

Inflation, In den Jahren nach dem Kriege wurde das Deutsche Volk durch eine sich immer schärfer ausprägende Geldentwertung heimgesucht. Die Mark, die zu Ende des Krieges noch eine Kaufkraft von etwa 0. 50 (Goldmark), hatte,  sank bis zum 20, 11, 1923, so dass es bald nicht mehr möglich war, den Wert der einzelnen Mark in Zahlen darzustellen.

Am 20. 11. 23 hieß der amtliche Kurs 1 Billion Papiermark (1 000 000 000 000) ist eine  Goldmark, Geld hatte während der Inflationszeit, besonders zu ihrem Ende, jedermann genug, aber kaufen konnten nur wenig, In den Monaten August, September, Oktober, November erhielten Beamte, Angestellte und Arbeiter fast alle 3 Tage Gehalt bzw, Lohn. Hatte aber jemand am Lohntage keine Zeit einzukaufen, durfte er damit rechnen, daß er am anderen Tage nicht mehr die Hälfte erhielt, Die Mark war wiederum gefallen. .Die Geschäftsleute sahen den Leuten lieber "auf den Rücken als ins Gesicht. Manche schlossen ihre Läden, andere mußten durch die Polizei gezwungen werden, Waren abzugeben, Überall hing der sogenannte Multiplikator, d, h, .es war ein Grundpreis angegeben, der mit dem amtlichen Dollarstand vervielfacht wurde, Die Geschäftsleute verkauften ihre Waren mit dem Kurszettel in der Hand, Am Klarsten sind die Zeitverhältnisse ausgedrückt in einem Witz der letzten Monate der Inflation, Ich fand ihn in irgendeiner Tageszeitung „ Ein Mann fährt mit einem Handwagen, der mit Papiergeld beladen ist, vor ein Geschäft, um einzukaufen, Er läßt Handwagen und Geld unbeaufsichtigt draußen stehen und betritt den Laden, Als er wieder herauskommt, ist der Wagen gestohlen worden, das Geld hat der Dieb achtlos liegengelassen, da der Wagen wertvoller war als das Geld,“– Im übrigen ist die Entwicklung der Geldentwertung in beiliegender amtlichen Liste zu sehen. Beigefügte Geldscheinsammlung gibt ebenfalls einen kleinen Einblick. Die Sammlung macht durchaus keinen Anspruch auf Vollständigkeit, es sind nur einzelne Exemplare; denn jede Gemeinde, jeder Kreis, jede Provinz, ja selbst Gewerkschaften und industrielle Unternehmungen gaben ihr„ Notgeld“ heraus, um einigermaßen ihre Beamten und Arbeiter so entlohnen zu können, daß diese mit der Entwertung Schritt halten konnten

Mit dem 1, Dezember 1923 trat die Rentenmark in Kraft (aufgebaut auf dem bundeswirtschaftlichen Grundbesitz). Hoffentlich ist ihr ein glücklicheres Los beschert als der alten „ Mark“.

 

 

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