In welchem Ton und mit welcher Aufmerksamkeit in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg im Zeichen der Heimatschutzbewegung über Bausünden und Verschandelung der Landschaft gesprochen wurde, verdient noch heute Beachtung . Hier ein Beispiel.

 

Gegen Ortsverunstaltung 1910

Auszug aus einer Einführung von Landrat Gerdes in den Lichtbildervortrag der Herren Dr. F.W.Bredt und Architekt Klotzbach „Was lehrt uns die Denkmalpflege für das Bergische Land?“ , gehalten im Hesseschen Saal in Morsbach am 2.2.1910 (maschinenschriftl. Manuskript HSTA LA Waldbröl Signatur L 686 ). Über den Architekten vgl. die Notiz im Anhang.

 

Verehrte Anwesende,

in unserer Zeit, die anspruchsvoll das ganze Interesse auf die materielle Lebensfrage richtet und gerade bei uns im schweren Daseins-Kampf die Verfolgung idealer Bestrebungen leider so fern rückt, da ist es so nötig wie erfreulich, wenn man erinnert wird an die Pflichterfüllung, die uns auch auf idealem Gebiet obliegt. Es ist unsere Pflicht, das Kleinod zu hegen und zu wahren, das uns in der zwar anspruchslosen , aber doch in [an] anmutigen – intimen Reizen reichen Schönheit unserer Dörfer überkommen ist. Nicht darf die malerische Wirkung des Aussenbildes mehr beeinträchtigt werden durch hässliche Schlote, kasernenartige Haus- und Fabrikbauten und durch die unschönen Zement- und Stuckbauten. Erhalten werden muss uns die harmonische Eintracht der Häusergruppen, wie sie so lange und erfreulich gesichert war in ihrer…Bauweise, die das Heimatdorf und heimische Art und Sitten lieb und wert halten.

Blicken Sie doch einmal um sich. Da sehen Sie in Waldbröl den schauderhaften Bau der Irrenanstalt, der Kasernen -und Fabrikstil so unschön verbindet. Sie sehen dort und anderswo gelb und rot lackierte Ziegelbauten, Häuser jeden Stils mit allerlei Zinkornamenten, Zwiebeltürmen, Zementschnörkeln, Stuck aller Art, ausgeputzte Nachahmungen städtischer Bauprodukte, erstanden ohne Liebe und Sinn für Heimat und Eigenart. Wir sehen vielfach Zinkblechverkleidungen, auf den Dächern die hässlichen Verschönerungen mit farbigen Ornamenten, Namen, Jahreszahl und dergleichen. Und was können wir doch, mit offenen Augen und Herzen durch unsere Dörfer wandernd, noch schöne, schlichte malerische und trauliche Fachwerk- und Schieferhäuser ….[ wahrnehmen]

Der Staat hat die Bedeutsamkeit dieser Gefahr erkannt, indem er in einem Gesetz vom 15. Juli 1907 zuläßt, dass Bauten und Bauänderungen, die ein Stadt –oder Dorfbild gröblich verunstalten, verboten werden. Das Gesetz ermächtigt auch die Gemeinden zu noch weiter gehenden Schutzbestimmungen. Auch das Plakat- und Reklame-Unwesen wird gesetzlich bekämpft und das sollten wir uns auch zur Lehre dienen lassen, wenn man an uns herantritt mit dem Verlangen, die hässlichen schreienden Blechplatten mit den Anpreisungen von gummi, Seife, Schokolade u.v.m. anzubringen.

Vieles liegt ja an unseren Unternehmern und Bauhandwerkern……

 

Die „Waldbröler Zeitung“ berichtete über den Vortrag unter „Vermischtes“ Waldbröl 4. Februar mit summarischen, in der Erfassung des Inhaltes der Ausführungen eher oberflächlichen Worten u.a. : …Herr Landrat Gerdes, dessen Bemühungen die Veranstaltung zu verdanken ist, begrüßte mit einem herzlichen Willkommen die zahlreichen Zuhörer , die aus allen Teilen des Kreises herbeigekommen waren… In erster Linie wandte er sich an die Bauhandwerker, die die Bemühungen und Hilfeleistungen des Vereins für Kleinwohnungswesen in Düsseldorf, des Vereins für Heimatschutz und der Baukommission des Heimatkreises würdigen und verwerten möchten, damit auch in unserer Heimat Bauten entständen, die dem Bewohner nicht nur Unterkunft bieten, sondern auch durch Behaglichkeit und bodenständigen Schmuck Auge und Herz - auch der nachfolgenden Geschlechter- erfreuten [Hervorhebung vom Verf.]. – Herr Amtsrichter Dr. F.W. Bredt sprach sodann über die geschichtliche Entwicklung der bergischen Bauweise……Den zweiten Vortrag über Heimatschutz hatte Herr Architekt Klotzbach übernommen …[Er] zeigte an der Hand einiger Lichtbilder ,wie weit oft Geschmacklosigkeit, Reklamewut und Verständnislosigkeit in der Verunstaltung des trauten Landschaftsbildes gehen….

 

A N H A N G

Prof. Peter Klotzbach (1875-1947) - ein bergischer Baumeister in Waldbröl

 

Er entwarf nicht nur in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg das Realgymnasium in Opladen (heute Landrat Lucas Gymnasium), zwischen den Weltkriegen das Rathaus in Wiehl , eine Gartenstadt in Wuppertal und zahlreiche weitere Anlagen (Villen, Verwaltungsgebäude, Kirchen usw.), auch die halbkreisförmige Erweiterung des Waldbröler Kriegerdenkmals 1922 in der Denkmalstraße geht auf ihn zurück.

Nicht zu vergessen ist seine - auf unseren Seiten mehrfach erwähnte- Tätigkeit als Bauberater in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, wo er – damals Lehrer an der Kunst- und Handwerkerschule in Barmen und später selbständiger Architekt - mehreren bergischen Landkreisen, darunter Gummersbach und Waldbröl, als Bauberater diente. Ein Aufsatz in den Lebenserinnerungen des Opladener Landrat Lucas, posthum 1957 veröffentlicht, schildert u.a. die damalige Zusammenarbeit seiner Bauberatungsstelle mit Prof. Klotzbach. Vor dem ersten Weltkrieg trat Peter Klotzbach zusammen mit dem damaligen Landrat Gerdes u.a. in dem oben genannten Vortrag in Morsbach auf, wo er für die Beachtung der bergischen Bauweise warb. Auch für die Zwanziger Jahre ist sein Wirken in Waldbröl belegt.

Literatur über ihn ist, wie es scheint, eher selten. Budde erwähnt ihn in seinem Waldbrölbuch 1981  auf Seite 259 als Befürworter der bergischen Bauweise und alten Bekannten aus den Tagen der Bauberatungsstelle.  Über die Fernleihe gelangte ich zu einem Artikel in dem Heimatkalender „Land an Wupper und Rhein, Jg. 1963 aus der Feder von Dr. H. Paffrath, dem einige Informationen der vorliegenden Notiz entnommen sind.

Eine längere Darstellung findet sich in ZBGV Band 100 (2006)  aus der Feder von Karl-Peter Wiemer in: Heimat, Heimatschutz und bergischer Stil , dort vor allem auf den Seiten 140f.